75 Jahre VVN-BdA Niedersachsen

Berichte

75 Jahre VVN-BdA Niedersachsen gefeiert

Am 26. Juni haben knapp 50 Mitglieder der VVN-BdA in Hannover das 75-jährige Bestehen ihrer Organisation gefeiert. Landessprecherin Mechthild Hartung begrüßte um 16.00 Uhr die Gäste, die trotz des schwül-heißen Sommertags in die Jugendherberge Hannover am Maschsee gekommen waren.

"Seitdem es unsere Organisation gibt, wird immer wieder versucht, uns mundtot zu machen, uns zu diffamieren und zu verleumden – der letzte Versuch war der Angriff auf die Gemeinnützigkeit. Aber wir sind immer noch da - sogar stärker als zuvor! Wenn das kein Grund zum Feiern ist!“, so Hartung in ihrer Ansprache. Sie freute sich, als Ehrengast Edith Jäger begrüßen zu können, die Tochter von Gertrud Schröter, die langjährige niedersächsische Landesvorsitzende der VVN war. Jäger hatte den langen Weg von Torgau an der Elbe nicht gescheut, um mitzufeiern und viele ehemalige Kampfgefährt*innen zu treffen. Hartung wies auf die brandneue Broschüre "75 Jahre VVN-BdA Niedersachsen" hin, die es am informativen Büchertisch gegen eine Spende gab.

Im Anschluss überbrachte Reinhold Weismann-Kieser ein Grußwort von Ruth Gröne, Ehrenmitglied in der niedersächsischen Vereinigung. Sie bedauerte, aus persönlichen Gründen nicht anwesend sein zu können und wünschte sich und der VVN-BdA Niedersachsen noch ein langes gemeinsames antifaschistisches Wirken.

Der erste Teil des Nachmittags war bewusst ohne Programm gedacht – nach der langen Pandemiepause war das Bedürfnis nach Gesprächen groß. Eine interessante Diaschau bot einen vielseitigen Rückblick auf Aktivitäten der Vergangenheit, und das reichhaltige, selbstorganisierte Buffet fand guten Zuspruch. Danach konnte Landessprecher Michael Rose-Gille den Bundessprecher und Vorsitzenden der FIR, Dr. Ulrich Schneider, zu seinem Festvortrag "75 Jahre VVN - Rückblick und Ausblick" begrüßen. Dr. Schneider ging ausführlich auf die Gründungsjahre der niedersächsischen VVN ein, die auch für die Gesamtorganisation wichtige Entwicklungen brachten. So hat beispielsweise das mutige und aufklärerische Auftreten von August Baumgarte 1959 den Verbotsprozess der damaligen CDU-Bundesregierung gegen den Bundesausschuss der VVN zu Fall gebracht. Die äußerst informative und fesselnde Rede von Dr. Schneider kann weiter unten nachgelesen werden.

Als politische Manifestation verabschiedete die Versammlung dann einen Aufruf, den erneuten Einzug der rassistischen AfD in den Landtag bei den Wahlen im Herbst zu verhindern - siehe Text am Ende. Die gute Stimmung auf der Veranstaltung wurde danach mit einem Gruppenfoto vor der Jugendherberge festgehalten (Foto).

Ein weiterer Höhepunkt der Feier war dann das Konzert des Duos "Quijote" aus Chemnitz. Die Künstler sind u.a. bekannt dafür, dass sie Lieder von Mikis Theodorakis in deutscher Sprache zu Gehör bringen. An diesem Nachmittag zeigten sie dann, dass sie mit Gesang, Klavier und Querflöte auch selbstkomponierte Lieder und Texte parat haben, die mitreißen und unter die Haut gehen - ein gelungenerer Abschluss der Jubiläumsfeier.
Alfred Hartung


Mechthild Hartung



Die Broschüre über 75-Jahre VVN-BdA Niedersachsen kann hier heruntergeladen werden.

Unkraut vergeht nicht!

1945, kurz nachdem sie den Lagern und Zuchthäusern der Faschisten entkommen waren, schlossen sich viele Befreite in „KZ-Ausschüssen“ zusammen, in Hannover schon im April. Es ging damals zunächst natürlich um unmittelbare soziale Interessen und Rechte. Gemeinsam war ihnen aber auch ein politischer Anspruch, der in dem Schwur von Buchenwald eindringlich formuliert ist. Dessen Kernsatz lautet: „Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.“ Bei den Versuchen der Alliierten, neue demokratische Strukturen aufzubauen, griffen sie deshalb vielfach auf diese Kreise zurück und gaben ihnen wichtige administrative Aufgaben wie Ämter als Bürgermeister und Landräte.

Die Ausschüsse suchten bald nach überregionalen Verbindungen, nach der Neukonstituierung der künftigen Bundesländer auf dieser Ebene. Da jedoch inzwischen der „kalte Krieg“ das politische Klima bestimmte, wurden in den zarten Pflänzchen des Antifaschismus schnell die Keimlinge eines gefährlichen Unkrauts erkannt! Schon die Gründung der VVN Niedersachsen stieß bei der Besatzungsmacht auf Skepsis und Misstrauen.

Die VVN mit ihren Gründerinnen und Gründern verstand sich als überparteilich und überkonfessionell. Ihr gehörte neben den vielen Kommunistinnen und Kommunisten, die wegen ihres entschlossenen Widerstands von Anfang an brutal verfolgt worden waren, Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten, Gewerkschafter und viele Menschen jüdischer oder christlicher Religion an. Die wollten sich aber nie von den kommunistischen Mitgliedern distanzieren.

Es galt also den gepflegten Garten unserer neuen Republik von diesem Gewächs zu säubern, besonders auch, weil es - mit vielen anderen – der Wiederbewaffnung im Wege stand. Die SPD machte 1948 mit ihrem „Unvereinbarkeitsbeschluss“ den Anfang, hatte damit jedoch wenig Erfolg. Er wurde dann erst 2010 aufgehoben. In Niedersachsen und zwei weiteren Ländern versuchte man es 1951 mit einem Verbot und scheiterte damit politisch und 1954 auch gerichtlich. Um ein bundesweites Verbot durchzusetzen, zog man vor das Bundesverwaltungsgericht in Berlin. Dessen Vorsitzender wurde jedoch als alter Nazi entlarvt, so dass der Prozess platzte!

Alte und neue Nazis sammelten sich besonders in der NPD und zogen in die Parlamente ein. Gleichzeitig fragten immer mehr junge Menschen nach der Vorgeschichte und Entwicklung ihres Staates. Da konnte die VVN Antworten geben. Sie öffnete sich also dieser Generation zum Bund der Antifaschisten (VVN-BdA). Trotz den auch dabei drohenden Berufsverboten gewann sie so viele neue Mitglieder!

Nach der „Wende“ von 1989 wurde manche neue politische Orientierung fällig. Die VVN-BdA kann für sich beanspruchen, eine Vereinigung mit den Verbänden der ehemaligen DDR auf neuer Grundlage gemeinsam erarbeitet zu haben, die 2002 vollzogen wurde. Die Aufgaben blieben die alten: Gegen den Geist der alten Nazis und ihren politischen Wiedergängern, gegen Rassismus, gegen Rüstung und Krieg! Sie hat Erinnerungsarbeit geleistet, als Erinnerungskultur noch nicht erfunden war und wird dabei noch immer voran gehen!

Aber nach Herbiziden wird immer noch gesucht. Jüngst sollte die Einstufung diese Vereinigung als „verfassungswidrig beeinflusst“ durch den bayerischen Innlandsgeheimdienst dazu dienen, ihr die vereinsrechtliche Gemeinnützigkeit abzusprechen. Auch das scheiterte und brachte ihr viele neue Mitglieder. Zu Recht hat sie also am 26. Juni in Hannover ihr 75-jähriges Bestehen gefeiert!
Reinhold Weismann-Kieser


Reinhold Weismann-Kieser aus Hannover


Rede von Dr. Ulrich Schneider

Bundessprecher der VVN-BdA und Vorsitzender der FIR

Bekanntlich war die Gründung der VVN – auch hier in Niedersachsen – kein feststehendes Ereignis, sondern ein Prozess, der bereits mit der Rückkehr der Antifaschisten aus den Haftstätten und KZ, aus dem Exil, der Illegalität oder der inneren Emigration begann. Der erste „KZ-Ausschuss“ hier in Hannover ist bereits im April 1945 nachweisbar. Dabei ging es den Antifaschist*innen einerseits um die Lösung ihrer sozialen Lage, den Bedarf an Wohnraum, an sozialer und medizinischer Versorgung, an beruflicher Wiedereingliederung, gleichzeitig übernahmen sie aber auch Verantwortung für den Wiederaufbau und den antifaschistisch – demokratischen Neubeginn. Frauen und Männer aus dem Widerstand reorganisierten im Auftrag der alliierten Besatzungsoffiziere das politische und gesellschaftliche Leben. Sie wurden Bürgermeister, Polizeichefs, Schul- und Sozialdezernenten oder– wie Otto Gläser – Staatssekretär in der ersten niedersächsischen Landesregierung und – wie Elfriede Paul – Ministerin der ersten von den Briten eingesetzten hannoverschen Landesregierung


Sie schufen ein Netzwerk der regionalen Betreuungsstellen für politisch, rassisch und religiös Verfolgte. An der Spitze dieser Betreuungsstellen bzw. den entsprechenden Ämtern auf Bezirksebene standen vertrauenswürdige Kameradinnen und Kameraden wie beispielsweise eure langjährige Landesvorsitzende Gertrud Schroeter aus Celle.

Mit dieser Arbeit verbanden die Antifaschisten mehr als nur die Sicherung von Entschädigung und Bereitstellung einer Sozialversorgung. Sie verstanden diese Arbeit immer politisch für die Durchsetzung der antifaschistischen Perspektiven, wie sie u.a. im Schwur von Buchenwald formuliert worden waren.


Und so waren diese Betreuungsstellen gleichzeitig erste antifaschistische Anlaufstellen. Doch antifaschistische Selbstorganisation wie diese wurde von den Westalliierten, in diesem Fall der britischen Besatzungsmacht, eher skeptisch beobachtet. Und so dauerte es noch bis zum 28. Februar 1947, bevor – mit Genehmigung der Briten – die Gründungsversammlung der Landesvereinigung in Hannover im Speisesaal der Hanomag-Werke stattfinden konnte. Und noch einmal vier Monate später, also ungefähr vor 75 Jahren konstituierte sich die VVN am 21./22. Juni 1947 auf ihrer ersten Delegiertenversammlung


Was waren die Gründe, dass sich die Antifaschist*innen dafür entschieden, eigene politische Organisationen zu gründen?

Zwar entstanden schon 1945 die ersten lizensierten antifaschistischen Parteien, jedoch wollte man mit der VVN eine „überparteiliche“ Struktur für alle Verfolgten schaffen.

Zweitens wurden die Betreuungsstellen in Behörden umgewandelt. Sie hatten damit zwar eine staatliche Funktion, jedoch keine politische Selbstständigkeit mehr. Drittens veränderte sich das gesamte politische Klima, die Ost-West-Konfrontation wurde immer sichtbarer und das politische Gewicht der Stimme der Antifaschisten schien abzunehmen.


Die Gründungen vollzogen sich im Rahmen der Möglichkeiten der jeweiligen Besatzungszonen. Daher überrascht es nicht, dass der Zonensekretär der britischen Zone Hans Schwarz aus Hamburg sowie Franz Heitgres (Hamburg), Peter Lütsches und Leo Radke (aus Düsseldorf) eine Rolle bei der Gründung der VVN-Niedersachsen spielten.

Da der Prozess der Zusammenführung der unterschiedlichen Landesteile zu einem Niedersachsen langsamer lief als in NRW, immerhin wurde das Land Niedersachsen nominell erst am 1. November 1946 gegründet, dauerte auch der Gründungsprozess der VVN bis zum Sommer 1947, bis von einer niedersächsischen Landesvereinigung gesprochen werden konnte. Dabei orientierte man sich bereits am Statut, das bereits auf einer interzonalen Tagung im August 1946 in Hanau beraten und beschlossen worden war. Schon damals war mit Rücksicht auf westalliierte Vorbehalte als gemeinsamer Name „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes“ gewählt worden.


Auffällig ist – auch mit Blick auf die weitere Entwicklung in Niedersachsen –, wie lange die VVN versucht hatte, den überparteilichen Charakter der Organisation in der Zusammensetzung der leitenden Gremien zu unterstreichen. So gehörten dem ersten vierköpfigen Leitungsgremium an:

Theodor Hohenstein, Vertreter der jüdischen Gemeinde, er war übrigens bis 1951 Landessekretär der VVN,

Heinz Westphale, SPD-Mitglied aus der Tradition des ISK und Leiter des „Dezernats für politisch Verfolgte“ im Regierungsbezirk Hannover

Eduard Wald, Kommunist und Mitherausgeber der „Niedersächsischen Volksstimme“,

Kurt Dehne, als katholischer Jesuitenpater im KZ Dachau inhaftiert.

Auch im nächsten Jahr zeigte sich diese Breite, wobei laut Unterlagen Pater Dehne durch den Abgeordneten der „Deutschen Partei“ Walter Reinhold ersetzt worden war. Diese Personalie ist bemerkenswert, entwickelte sich die DP doch zunehmend zur parlamentarischen Vertretung alter Nazis.

Die Einbindung unterschiedlicher Verfolgtengruppen in die Leitung der VVN blieb vom Anspruch her bis in die 1950er Jahre erhalten, wobei die KPD aufgrund ihrer Rolle im Widerstand stark vertreten war. So waren z.B. im 40-köpfigen Landesvorstand 1950 12 Kommunisten, 9 Sozialdemokraten, 2 CDU-Mitglieder sowie je ein Mitglied aus FDP, Zentrum und DP. Von einer Geschlechterparität konnte damals noch keine Rede sein, aber im Landesvorstand waren Sitze für den demokratischen Frauenverband im Statut festgeschrieben.


Wie in den vorliegenden Quellen ersichtlich, setzte sich der Vorstand mit großem Engagement und klaren Worten für die sozialen und politischen Interessen der ehemaligen Verfolgten und der Antifaschisten ein.

Und dies wurde immer dringender.

Zwar standen die Landesregierung und viele politische Einrichtungen in Erklärungen noch zu den Zielen des antifaschistischen Neubeginns. In der politischen Realität verstärkten sich jedoch die Konflikte. Ich nenne dazu nur drei Ebenen:
• Entnazifizierung oder „Persilscheine“ und Renazifizierung durch belastete „Spezialisten“ (hier taten sich besonders die britischen Besatzungsmächte unrühmlich hervor).
• Aktive Entschädigung bzw. Wiedergutmachung oder Verschleppung der Ansprüche bzw. Diffamierung als „Privilegien der KZ‘ler“
• Politisches Gedenken oder Trauer allein um Opfer (auch der eigenen Bevölkerung). Auch in Niedersachsen fand das Gedenken am 2. Sonntag im September eine breite Resonanz.

Kalter Krieg und die damit verbundenen innenpolitischen Konflikte machten natürlich keinen Bogen um unsere Organisation. So erlebten wir in Niedersachsen ebenso die Folgen des Unvereinbarkeitsbeschlusses der SPD, wie auch die Trennung von eher CDU orientierten Kräften. Das in Hannover angesiedelte Büro Schumacher hatte einen großen Einfluss darauf, dass Sozialdemokraten unter Druck gesetzt wurden, sich zwischen SPD und VVN zu entscheiden. Dies führte in vielen Fällen zur Niederlegung von Wahlämtern, was dann wieder dem SPD-Vorstand als Begründung für die Behauptung diente, dass die VVN kommunistisch dominiert sei. Natürlich hat sich in diesem Klima der antikommunistischen Propaganda niemand für die Fakten interessiert, dass selbst im Herbst 1950 noch mehr als Zweidrittel der Mitglieder der VVN Nicht-Kommunisten waren.

Zwar erreichte die neugegründete AvS zu keinem Zeitpunkt das politische Gewicht der VVN, sie diente aber manchem Politiker als Vorwand, sich den Vorschlägen und Forderungen der VVN gegenüber zu verschließen. Besonders die Berichterstattung in den Massenmedien wurde durch einen verstärkten Kurs der Ausgrenzung der VVN bestimmt.


Die Folgen:
Nach einer Phase der ideologischen und politischen Vorbereitung auf Bundesebene wurde auf Veranlassung des Innenministers der Adenauer-Regierung Lehr und durch den niedersächsischen Innenminister Borowski die VVN in Niedersachsen am 27. Juni 1951 verboten. Nur Hamburg und Rheinland-Pfalz folgten diesem Beispiel, die anderen Bundesländer sahen keine Veranlassung, die VVN zu verbieten. Und so entstand die absurde Situation, dass die VVN in Bremen aktiv sein konnte, wenn man jedoch nach Delmenhorst oder Worpswede kam, dieselbe Handlung strafbar war.
Der Hintergrund dieser Verbotsmaßnahme war insbesondere das politische Engagement der VVN gegen die Remilitarisierungspolitik der Adenauer-Regierung sowie die Restauration und Renazifizierung der öffentlichen Verwaltungen, der Justiz und der Polizei.
Man schreckte also nicht davor zurück, diejenigen, die sich mit ihrem Leben und ihrer Gesundheit für die Verwirklichung der Ziele „Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!“ eingesetzt haben, zu verfolgen, um Aufrüstung und Reintegration alter Nazis vorantreiben zu können.
Natürlich störten bei einer solchen Entwicklung in jeder Hinsicht die Zeugen der Verbrechen und der Täter. Wer als Nachgeborener einmal einen Eindruck von der politischen Atmosphäre der 1950er Jahre in dieser Hinsicht erhalten will, dem seien zwei Filme von Wolfgang Staudte empfohlen: „Die Mörder sind unter uns“ und „Rosen für den Staatsanwalt“.

Die VVN ließ sich durch das Verbot von 1951 nicht einschüchtern. Zwar gab es vielfältige Behinderungen der öffentlichen Arbeit. Aber nach einem juristischen Widerspruch gegen die Verbotsverfügung der Landesregierung hob das Verwaltungsgericht am 26. Juli 1954 die Verbotsverfügung auf. Zurecht betont ihr in eurer Dokumentation: „Ein großer Erfolg der VVN, der ohne die umfangreiche internationale Unterstützung und Solidarität demokratischer Organisationen und Persönlichkeiten Niedersachsens nicht denkbar gewesen wäre. Die Auseinandersetzung mit der Landesregierung fand damit jedoch noch nicht ihr Ende.“

Es ist hier nicht die Zeit und der Platz, die nachfolgenden Schikanen aufzulisten. Bis in die 1960er Jahre werden sogar Veranstaltungen zum Gedenken der NS-Opfer behindert.

Selbst die politische Kinderarbeit, die die VVN in der Aktion „Frohe Ferien für alle Kinder“ gemeinsam mit der Internationalen Föderation der Widerstandskämpfer (FIR) in verschiedenen europäischen Ländern durchführen konnte, wurde verfolgt. Hier lief die politische Strafjustiz mit ihrer Strafkammer in Lüneburg zur Hochform auf.


Nach dem Scheitern der VVN-Verbote auf Länderebene betrieb die Adenauer-Administration Ende der 1950er Jahre eine Illegalisierung der VVN durch einen Verbotsantrag auf Bundesebene.

Und hier wiederum hat eure Landesvereinigung, genauer der niedersächsische Landessekretär August Baumgarte eine herausragende Rolle gespielt. Sein Auftritt am zweiten Prozesstag vor dem 1. Senat des Bundesverwaltungsgerichts mit dem legendären Satz: „Herr Dr. Werner, Sie sind ein alter Nazi!“ und der Präsentation belastender Dokumente, die diese Aussage untermauerten, führte zum politischen Platzen des Verfahrens. Auch hier hatte die internationale Solidarität das politische Klima geschaffen, dass ein ehemaliger Nazi nicht über die VVN urteilen konnte, jedoch hat es gerade auch eines Auftritts wie dem von August Baumgarte bedurft, um den eigentlichen Skandal öffentlich zu machen.


Wie wichtig die antifaschistische Arbeit auch in den 1960er Jahren in Niedersachsen war, mag allein der Hinweis auf das Aufkommen und den Erfolg der NPD verdeutlichen. Schon 1967 war die faschistische Partei mit 10 Abgeordneten im niedersächsischen Landtag vertreten. Und bei der Kommunalwahl 1968 erreichte sie flächendeckend über 200 Mandate, was damals mehr als ein Drittel aller Mandate der NPD im Bundesmaßstab ausmachte.

Andererseits war auch der Aufschwung der außerparlamentarischen Bewegung in Niedersachsen unübersehbar – und die VVN und ihre Mitglieder waren ein wichtiger Teil davon. Zum Beispiel als Kandidaten für die Aktion Demokratischer Fortschritt (ADF) oder bei den Aktionen gegen die Notstandsgesetze.

Eine bedeutende Rolle spielten die Überlebenden als Zeitzeug*innen in der antifaschistischen Erinnerungsarbeit. Als die offizielle Geschichtswissenschaft von diesem Thema noch nichts wissen wollte, publizierten Hanna Elling („Frauen im Widerstand“) und Gerda Zorn („Widerstand und Verfolgung in Hannover“) grundlegende Dokumentationen, die viele Jahrzehnte als Standardwerke gelten konnten.

Diese Arbeit gegen Vergessen und Verdrängen der Erinnerung stieß auf großes Interesse auch der nachgeborenen Generationen, die begonnen hatten, sich mit den „weißen Flecken“ deutscher Geschichte zu beschäftigen. Und so führte der Beschluss der Öffnung der Organisation zum „Bund der Antifaschisten“ auf dem Oberhausener Kongress von 1971 – trotz des manchmal schwierigen Prozesses in den Kreisen – zu einer deutlichen Verjüngung und Verbreiterung der Organisation.

Dabei mussten die jungen Antifaschist*innen erleben, dass die Entscheidung für eine aktive politische Arbeit in der VVN-BdA auch durch staatliche Repressionen, wie die Berufsverbote-Politik, die hier in Niedersachsen Opfer fand, verbunden sein konnte. Vor diesem Hintergrund ist es bemerkenswert, dass dies nicht zur gesellschaftlichen Isolierung der VVN führte.


Wenn ich jetzt einen größeren zeitlichen Sprung mache, dann nicht, um die erfolgreiche Arbeit der niedersächsischen VVN in den folgenden Jahren zu „unterschlagen“, sondern um etwas ausführlicher auf die Phase eingehen zu können, die existenziell für die Gesamtorganisation wurde, nämlich die Zeit nach dem Zusammenbruch der hauptamtlichen Strukturen unserer Organisation nach dem Umbruch 1989/90.


Ohne Übertreibung kann man festhalten, dass die niedersächsische Landesvereinigung personell und organisatorisch wichtige Beiträge für die Reorganisation der Bundesorganisation geleistet hat.

Mitglieder der Landesvereinigung übernahmen Leitungsfunktionen auf Bundesebene, die Organisation des ersten Gedenkstättenkongress in Braunschweig, weitere Konferenzen und Tagungen nicht zuletzt das Gemeinschaftsbüro von niedersächsischer Landesorganisation und Bundesorganisation in Hannover in der Rolandstraße.


Und an dieser Stelle ist es mir persönlich ein Anliegen, an unseren leider viel zu früh verstorben Kameraden Klaus Harbart zu erinnern. Er hat als Bundessekretär in besonderer Weise für die Fortexistenz und politische Wirksamkeit der VVN-BdA in den 1990er Jahren und Anfang dieses Jahrhunderts gesorgt. Sein größtes Verdienst für die Gesamtorganisation war es, den Prozess der Vereinigung der West-VVN-BdA und der Ost-Organisationen IVVdN und „Bund der Antifaschisten“ sensibel, aber politisch klar voranzubringen.


Die Gemeinsamkeit der antifaschistischen Organisationen in den alten und neuen Bundesländern war in den 1990er Jahren durch die politischen Herausforderungen bestimmt, die sich im gewalttätigen Rassismus zeigte, der durch die Ortsnamen Hoyerswerda, Mölln, Rostock-Lichtenhagen und Solingen gekennzeichnet ist.

Aus den gemeinsamen Kampferfahrungen für die Verteidigung der antifaschistischen Ideale entwickelte sich in den Verbänden in Ost und West die Überzeugung der Zusammenführung der Kräfte, auch wenn inhaltliche und politisch-kulturelle Unterschiede nicht zu übersehen waren. Es gelang jedoch in einem intensiven Diskussionsprozess, diese Verschiedenartigkeit der organisatorischen Ansätze in Ost und West für ein gemeinsames Handeln nutzbar zu machen und mit unserem ersten gemeinsamen Kongress 2002 in eine einheitliche Organisation zu überführen. Nicht eine „Übernahme“ oder ein „Beitritt“, sondern die Vereinigung war der Weg gleichberechtigter Zusammenarbeit. Seitdem gibt es wieder eine „gesamtdeutsche Organisation“, die sich in der Tradition des Schwurs der Überlebenden von Buchenwald versteht


Aber immer noch stehen wir vor großen Herausforderungen:

In den vergangenen Jahrzehnten hat die Organisation zumeist mit sehr geringen Mitteln, aber großem Engagement und – oftmals – guter Unterstützung von Bündnispartnern politische Signale setzen können, nicht zuletzt die breite Unterstützung der no-NPD-Kampagne und der Aufbau des Netzwerkes „Aufstehen gegen Rassismus“. Auch die niedersächsische Landesvereinigung hat einen großen Anteil am Erfolg dieser Arbeit, wie es in den Ergänzungen eurer Dokumentation sichtbar wird.


Der politische Erfolg unserer antifaschistischen Arbeit rief auch Kräfte auf den Plan, die versuchten die VVN-BdA in ihrer Handlungsfähigkeit einzuschränken. Da gegenwärtig kein politisches Klima für Verbotsverfahren oder neuerliche Berufsverbote besteht, versuchte man mit dem Instrument der Abgabenordnung und dem Entzug der Gemeinnützigkeit den finanziellen Handlungsspielraum einzuschränken, wobei dem Inlandsgeheimdienst „Verfassungsschutz“ die Befugnis zugesprochen wurde, über die Legalität und Förderungswürdigkeit unserer antifaschistischen Organisation zu befinden. Dem Geheimdienst, der wegen seiner bis heute nicht geklärten Verbindungen zu den NSU-Morden seit Jahren in der Kritik steht.

Es ist ein beeindruckendes Zeichen der politischen Wertschätzung der VVN-BdA und ihrer Arbeit, wie sich in den vergangenen Monaten zahlreiche Menschen mit ihren Möglichkeiten für die Organisation und deren Gemeinnützigkeit eingesetzt haben, so dass letztlich die Finanzverwaltung uns in 2021 die Gemeinnützigkeit wieder zuerkannte.


Einen entscheidenden Punkt, auf den ihr in eurer Dokumentation ebenfalls hingewiesen habt, möchte ich noch ansprechen. In dem letzten Jahrzehnt mussten wir erleben, dass immer mehr unserer langjährigen Weggefährtinnen und Weggefährten von uns gegangen sind. Die Zeit der Zeitzeugen ist unwiederbringlich vorbei. Als Organisation, die ihre Gründung und ihr Selbstverständnis auf das Vermächtnis der Überlebenden bezieht, sind wir im besonderen Maße gefordert, auf das Verschwinden der Zeitzeugen zu reagieren.


Dabei haben wir gute Möglichkeiten, uns als „Zeugen der Zeitzeugen“ zu profilieren. Das können die „Kinder des Widerstands“ sein. Aber auch viele von uns Nachgeborenen sind durch die Begegnung mit Frauen und Männern aus Verfolgung und Widerstand in Kontakt mit der VVN gekommen. Daher können wir mit Recht darauf verweisen, dass sich unsere historischen Aussagen und Erfahrungen nicht allein auf Dokumente oder Bücherwissen stützen, sondern ausgehen von den Berichten derjenigen, die gegen den Faschismus gestanden haben.

Daraus ergibt sich eine zweite Aufgabe: Wir müssen unser Hauptaugenmerk nicht auf eine allgemeine Aufklärung über die NS-Zeit legen, sondern insbesondere auf den Aspekt, dass Frauen und Männer diesem verbrecherischen Regime unter Einsatz ihrer Freiheit, ihrer Gesundheit und ihres Lebens widerstanden haben. Damit verhindern wir jegliche abstrakte „Opfer-Debatte“ (irgendwie sind doch alle Opfer gewesen) und sind in der Lage zu verdeutlichen, welche Triebkräfte und Visionen einer besseren Gesellschaft die Antifaschist:innen bewogen haben, diese Risiken auf sich zu nehmen. Das ist auch eine Intention von Esther Bejaranos Petition „Der 8. Mai muss Feiertag werden!“

Und der dritte Ansatz ist die geschichtspolitische Arbeit mit und an den Gedenkorten, so wie eure Landesvereinigung das seit vielen Jahren – fast schon vorbildlich – in Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Bergen-Belsen und anderen Gedenkorten macht.


Wenn wir uns fragen: „Wo stehen wir heute?“, dann gibt es einige klare Botschaften:
In der Tradition der Frauen und Männer aus Widerstand und Verfolgung kämpfen wir nicht nur gegen Rechtsentwicklung und Neofaschismus, gegen Antisemitismus, Antiziganismus und alle anderen Formen von Rassismus, sondern werden von der Vision einer anderen, sozial gerechten, menschenwürdigen, demokratischen, friedlichen Gesellschaft geleitet werden. Wir treten daher ein für
den Erhaltung und die Erweiterung demokratischer Rechte und Freiheiten,
die Ausweitung der politischen und gesellschaftlichen Mitwirkungsmöglichkeiten,
friedliche Konfliktlösungen – insbesondere in zwischenstaatlichen Konflikten, die abgehen von militärischer Dominanz und Durchsetzung imperialer Interessen. Daher verurteilen wir gleichermaßen den NATO–Angriff auf Serbien 1999, den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan und den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine.
den Auf- und Ausbau einer solidarischen Gesellschaft, die keine rassistischen oder sozialen Ausgrenzungen zulässt und soziale Sicherungssysteme entwickelt, die jedem ein menschenwürdiges Leben ermöglichen. Dazu gehören das Recht auf Arbeit und Wohnung und die Verwirklichung einer umfassenden sozialen Gerechtigkeit, das Recht auf Asyl und die Hilfe für Flüchtlinge,
die Anerkennung der historischen Leistungen der Frauen und Männer aus dem antifaschistischen Kampf, ein angemessenes Gedenken der Opfer und damit die Entwicklung eines antifaschistischen Geschichtsbildes.

Diese Vision ist nicht durch eine parteipolitische Orientierung oder ein bestimmtes Gesellschaftsmodell bestimmt, sondern im Sinne des Schwurs der Überlebenden des KZ Buchenwald eine Gesellschaft, in der der Nazismus mit seinen gesellschaftlichen und sozialen Wurzeln beseitigt ist und eine neue Welt des Friedens und der Freiheit geschaffen wird.

„Das sind wir unseren gemordeten Kameraden, ihren Angehörigen schuldig.“ So endet der Schwur von Buchenwald.

Das sind wir auch unseren Kameradinnen und Kameraden schuldig, die die Organisation VVN vor über 75 Jahren aufgebaut haben.


Dr. Ulrich Schneider



Mechthild Hartung (rechts) begrüßt den Ehrengast Edith Jäger


Inge Scharna kündigt die Gruppe "Quijote" an


Die Gruppe "Quijote" sorgte bei der Geburtstagsfeier für die Musik.



Die Gäste der Feier verabschiedeten eine Resolution gegen die AfD.

Fotos: JTF


Das Plakat zur 75-Jahr-Feier. Gestaltung: Mechthild Hartung