"Die meisten davon waren genauso alt wie ich"

Gedenken in Hörsten: Den Nazis entgegentreten - Frieden mit Russland

Erschwert durch die behördlichen Auflagen gegen die in Niedersachsen heftig grassierende Pandemie hat die niedersächsische VVN-BdA am 18. April der Befreiung des KZ Bergen-Belsen und der sowjetischen Kriegsgefangenen gedacht. Die Stiftung Niedersächsischer Gedenkstätten hatte deswegen wie schon im letzten Jahr auf die öffentliche Befreiungsfeier für das KZ verzichtet.

Mit ca 150 Teilnehmer*innen waren deutlich mehr Besucher*innen als üblich der Einladung der VVN-BdA und der DGB Region Nord-Ost-Niedersachsen auf dem Sowjetischen Kriegsgefangenenfriedhof Hörsten gefolgt. Dort liegen mindestens 20.000 junge Sowjetsoldaten, von denen tausende bereits im ersten Winter nach dem Überfall auf die Sowjetunion unter schrecklichen Bedingungen - Hunger, Kälte, Misshandlungen - auf dem Gelände des späteren KZ umgekommen sind. Nur das Jahrzehnte lange Bemühen der VVN-BdA hat verhindert, dass ihr Schicksal hinter den Verbrechen im späteren KZ ab 1943 - hier starb z.B. Anne Frank - dem gewollten Vergessen anheimgefallen ist.

Rolf Becker als Überraschungsgast

Die Sprecherin der VVN-BdA Niedersachsen, Mechthild Hartung, konnte zahlreiche Redner*innen begrüßen. Als "Überraschungsgast" war der Schauspieler und Rezitator Rolf Becker aus Hamburg gekommen. In einem bewegenden Grußwort überbrachte er nicht nur die persönlichen Grüße von Esther Bejarano, Ehrenvorsitzende der VVN-BdA, die wegen der Pandemie auf eine physische Teilnahme verzichten musste, sondern warnte eindrücklich vor den Gefahren eines neuen Krieges. Der könne sich wie schon zweimal aus der sich ständig steigernden Propaganda gegen Russland entwickeln und würde bei uns in Mitteleuropa ausgetragen.

Im Anschluss trug die Kameradin Evi Wefer-Kameli Esthers Grußwort vor, das sie der VVN-BdA bereits vorab zugesandt hatte. Sie nannte es darin unerträglich für die Überlebenden, "wenn wieder Naziparolen gebrüllt und Synagogen angegriffen werden, Todeslisten kursieren und Rechtsextreme in den Parlamenten sitzen".

Belarussische Opfer der Naziokkupation

Zu einem weiteren Grußwort konnte Mechthild Hartung den Vertreter der Botschaft Belarus, Pavel Groshevik, 2. Botschaftssekretär, begrüßen. Der Diplomat hob besonders die ungeheuren Opfer des belarussischen Volkes unter der Naziokkupation hervor. Ein Drittel der Menschen wurden von den Faschisten umgebracht und die Hälfte aller Städte und Dörfer zerstört. Der Hass auf den Krieg und die Sehnsucht nach Frieden seien seit damals ins belarussische Gedächtnis eingeschrieben.

Verständigung mit Russland

Der Hauptredner Rainer Butenschön, Journalist und Mitherausgeber von "Ossietzky, machte die notwendige Verständigung mit Russland zum Schwerpunkt seiner Ausführungen. In Anknüpfung an Rolf Becker verurteilte er die kampagnenhaften, öfters geradezu primitiven Verurteilungen Russlands. Vor dem Hintergrund der hier und auf den weiteren "Heide"-Gräberfeldern liegenden tausenden junger Sowjetsoldaten nannte er es beschämend, wenn die deutsche Kriegsministerin mit Russland nur "von einer Position der Stärke aus" verhandeln wolle. Die Schuld, die Deutschland mit dem Raub- und Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion auf sich geladen hat, verlange völlig andere, ehrliche Verhandlungsbemühungen. Gerade mache das der sich zuspitzende Konflikt um den Donbass nötiger denn je.

Als Journalist schmerze es ihn persönlich, wie sich der Großteil der Medien für die Regierungspropaganda einspannen lasse. Wo bleibe der Aufschrei in der Presse, wenn der russische Staatschef Putin regelmäßig mit "Hitlerbärtchen" karikiert werde? Einen israelischen Staatschef so darzustellen, sei zu Recht undenkbar. Aber den Vertreter des russischen Volkes, das 27 Millionen Kriegstote zu beklagen habe, könne anscheinend ständig mit Fußtritten beleidigt werden. Er forderte alle Anwesenden auf, für den Frieden und für Verständigung mit Russland einzutreten. Denn, und hier nahm er Rolf Beckers Warnung auf, der nächste Krieg fände "bei uns" statt.

Als Vertreter des DGB N-O-Niedersachsen erinnerte Joachim Fährmann, Gewerkschaftssekretär der IG Metall Celle-Lüneburg, daran, dass die jungen sowjetischen Soldaten, die hier liegen, sicher auch hoffnungsvolle Pläne für ihr späteres Leben hatten. Ihm sei aber bei Besuchen in vielen Gedenkstätten aufgefallen, dass dazu im Gegensatz zu anderen Opfern überall geschwiegen werde.

"Dorfnazis" in Gemeinderäten

H.-D. Charly Braun, DGB Kreisverbandsvorsitzender Heidekreis, konnte mit konkreten Beispielen von neofaschistischen Aktivitäten in dem die Gedenkstätte umgebenden Heidekreis von seiner Jugendzeit bis heute den ungebrochenen "braunen Geist" der Region konkretisieren. Es war nicht unüblich, dass der "Dorfnazi" bruchlos in die Gemeinderäte integriert wurde. Und bis heute fühlen sich in vielen Dörfern "braune Geister" durchaus aufgehoben. Zu dieser Stimmung unter der hiesigen Bevölkerung trägt auch die seit der Nazizeit jahrzehntelange Militarisierung bei, die vom "größten Truppenübungsplatz Europas" ausgeht. Dagegen setzt die Initiative "Biosphärenreservat Heide" die Forderung nach ziviler Nutzung. Der Abzug der britischen Armee vor einigen Jahren hätte dafür ein erster Schritt sein können. Da er bisher nicht gegangen wurde, sei weitere Friedensarbeitsarbeit weiter dringend nötig.

Junge und Neumitglieder

Besonders erfreulich war auch auf der diesjährigen Gedenkveranstaltung die Beteiligung zahlreicher junger Menschen. Die SJD-Die Falken aus Wolfsburg verlasen beispielhaft die Namen von 40 Rotarmisten, die allein am 21. Januar 1942 hier an diesem Ort gestorben sind. "Die meisten davon waren genauso alt wie ich", so der junge Falke nachdenklich. Seiner engagierten Rede nahm den Slogan ihres Transparentes "Erinnern heißt Kämpfen" wunderbar aufnahm und machte Mut. Denn sie zeigte, dass auch die junge Generation den Kampf um die Erinnerung aufnimmt.

Ein abschließender Höhepunkt war die Entgegennahme ihrer Mitgliedsbücher durch 32 neue Kamerad*innen, die zusammen mit 176 weiteren Menschen aus Niedersachsen seit dem Angriff auf die VVN-BdA durch Aberkennung der Gemeinnüzigkeit unserer Organisation beigetreten sind. Das macht Mut!

Sehr zum Gelingen der Gedenkveranstaltung haben auch in diesem Jahr die musikalischen Beiträge von "Agitprop Hannover" beigetragen. Mit deutschen und russischen Antifa-Liedern sorgten sie für eine wunderbare Stimmung. Alfred Hartung












Fotos:
Jankowskis, Nolte, Scharna, Springhorn, Weismann-Kieser.

Mahn- und Gedenkveranstaltung von DGB und VVN/BdA

Die VVN-BdA Niedersachsen und die DGB-Region Nordost-Niedersachsen veranstalten am Sonntag, 18.4.2021, auf dem sowjetischen Kriegsgefangenenfriedhof in Bergen-Belsen/Hörsten (an der Panzerringstraße Belsen - Ostenholz gelegen) eine Mahn- und Gedenkveranstaltung anlässlich des 76. Jahrestags der Befreiung des KZ Bergen-Belsen und der sowjetischen Kriegsgefangenen.

Ab 13 Uhr sind Redebeiträge unter anderem von dem Journalisten und Mitherausgeber der Zeitschrift "Ossietzky", Rainer Butenschön, von dem Gewerkschaftssekretär der IG Metall Celle, Joachim Fährmann und von H-D Charly Braun, DGB-Kreisverbandsvorsitzender Heidekreis, vorgesehen. Außerdem wird ein Grußwort der Ehrenvorsitzenden der VVN-BdA, Esther Bejarano, verlesen.

Angefragt sind weiterhin Beiträge von Vertreter/innen der Botschaft Belarus und des Generalkonsulats der Russischen Föderation. Jugendliche der "Sozialistischen Jugend Deutschlands - Die Falken" werden sprechen. Durch das Programm, das musikalisch durch die Gruppe "Agitprop Hannover" begleitet wird, führt die Sprecherin der VVN-BdA Niedersachsen, Mecki Hartung.

Am Ende der Veranstaltung ist noch die Übergabe von Nelken und Mitgliedsbüchern an etwa 30 Mitglieder geplant, die seit dem Entzug der Gemeinnützigkeit der VVN-BdA der niedersächsischen Vereinigung beigetreten sind.

Die VVN-BdA veranstaltet seit den 50er-Jahren im April eine Mahn- und Gedenkkundgebung, um an die Befreiung zu erinnern und entsprechend des "Schwurs von Buchenwald" - demnach die "Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln" und der "Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit" Aufgaben der VVN-BdA sind - zu mahnen. Der DGB und Gewerkschaften engagieren sich seit Jahrzehnten für die Erinnerung an die NS-Verbrechen an sowjetischen Kriegsgefangenen in den Lagern auf Europas größtem Truppenübungsplatz (Oerbke, Wietzendorf, Hörsten).

Weitere Informationen zu dem sowjetischen Kriegsgefangenenfriedhof sind auf der Seite der AG Bergen-Belsen zu finden.

Der sowjetische Kriegsgefangenenfriedhof in Bergen-Belsen im Jahr 1967.

Anfahrtsbeschreibung

1.
Ziel: Sowjetischer Kriegsgefangenenfriedhof „Stalag 311 (XI C)",
Panzerstraße, 29303 Lohheide, Hörsten
GPS-Position: 52.76355, 9.89360

Anfahrt mit dem Auto:
Von Norden (aus HH, HB):
A27 auf A7 und gleich die 1. Abfahrt Westenholz nehmen.
Rechts (nach Osten) abbiegen auf K147 Richtung "Westenholz", in "Ostenholz" an Kreuzung rechts abbiegen auf Hauptstraße und dann der Panzerringstraße lange folgen.
An Kreuzung nicht rechts Richtung Meißendorf abbiegen, sondern östlich Richtung Hörsten / Belsen fahren. Der Veranstaltungsort befindet sich rechts kurz vor einem Stopp-Schild.

Von Osten (aus Bergen)
über die L298

Von Süden (aus Winsen/Aller)
über die L298

Vor Ort stehen keine sanitären Anlagen zur Verfügung!
Da wir in diesem Jahr mit sehr vielen Teilnehmenden rechnen, weisen wir Euch nach Aufforderung durch die Versammlungsbehörde darauf hin, dass der Parkplatz an der Gedenkstätte Bergen-Belsen, Anne-Frank-Platz, zu benutzen ist, wenn der Platz direkt am Friedhof nicht ausreicht.

2.
Ziel: Gedenkstätte Bergen-Belsen, Anne-Frank-Platz, 29303 Lohheide
GPS-Position: 52.75737, 9.91212

Vor Ort stehen Toiletten zur Verfügung!

Der Weg vom Parkplatz Anne-Frank-Platz zum Sowjetischen Kriegsgefangegenenfriedhof dauert weniger als 30 Minuten und ist unter 2 km lang.

Kurzbeschreibung:
1. Durch das Tor an der Gedenkstätte hindurch
(oder wenn das geschlossen ist, an der offenen Seite vorbei gehen),
2. links zum Obelisken (vorbei am Grab von Anne Frank u.a. Erinnerungsorten),
3. am Obelisken rechts,
ab dann ist der Friedhof ausgeschildert (siehe Fotos / Skizzen).

Die Hälfte der Strecke ist mit Platten ausgelegt, die andere Hälfte ist ein Feldweg, der gut beschritten werden kann. Die Strecke ist nicht durchgehend rollstuhlgerecht und Hunde dürfen nicht über das Gelände der Gedenkstätte geführt werden.

Der gesamte Außenbereich der Gedenkstätte Bergen-Belsen kann am 18.4. besucht werden, das Dokumentationszentrum sowie der Lernort M.B. 89 sind nach derzeitiger Planung geschlossen.
Siehe unter Gedenkstätte die aktuellen Corona-Bestimmungen.
Der Weg zur Gedenkstätte ist ab der Autobahn A7 von Norden (Ausfahrt Soltau-Süd) und von Süden (Ausfahrt Mellendorf) ausgeschildert. Die Entfernung zur Ausfahrt Soltau-Süd beträgt etwa 25 Kilometer, zur Ausfahrt Mellendorf etwa 40 Kilometer.

weg_A01.JPG
Anfahrt von Norden / Westen: Der Veranstaltungsort liegt rechts an der Panzerringstraße.

weg_A01.JPG
Anfahrt von Osten: Der Veranstaltungsort liegt links kurz hinter der abknickenden Vorfahrtsstraße.


weg_A01.JPG
Der Fußweg führt durch das Eingangstor in Bergen-Belsen, danach links zum Obelisken.
weg_A01.JPG

weg_A01.JPG
Am Obelisken geht es rechts zum Veranstaltungsort.
weg_A01.JPG

weg_A01.JPG
Auf weitere Schilder achten.

weg_A01.JPG
Der Weg führt durch den Wald.

Fotos: Inge Scharna

Lageplan

skizz01
Links befindet sich der Kriegsgefangenenfriedhof.

Quelle: Gedenkstätte Bergen-Belsen

skizz02

lageplan01_1.jpg